Wir sind hier!

Ein flucht•punkt-Projekt zur Unterstützung extrem benachteiligter Flüchtlingskinder und -jugendlicher

Gefördert von:
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Kinder bedürfen des besonderen Schutzes und der Fürsorge der staatlichen Gemeinschaft. Sie haben das Recht, sich gemäß ihrer Anlagen und Fähigkeiten frei zu entwickeln. Doch besonders für Flüchtlingskinder sieht die Realität oft anders aus.

Wir sind hier! richtet sich an besonders benachteiligte Flüchtlingskinder und –jugendliche. Ihre besondere Benachteiligung resultiert daraus, dass Gesetze, Verwaltungspraxis und Politik immer deutlicher eine Gruppe vermeintlich nicht förderungswürdiger Flüchtlinge definieren. Die Gruppe umfasst neueingereiste, langjährig geduldete und papierlose Menschen. Ihnen werden ausländerrechtliches Fehlverhalten, Straftaten oder mangelnde Integrationsbereitschaft vorgehalten. Die Auswirkungen erfassen sowohl unbegleitete als auch zusammen mit ihrer Familie geflüchtete Kinder. Die Betroffenen werden immer stärker an den gesellschaftlichen Rand gedrängt und nur allzu oft dort vergessen. Kennzeichnend für diese Gruppe der „Vergessenen“ sind:

  • eine prekäre aufenthaltsrechtliche Situation, die neben Unsicherheit vor allem Perspektivlosigkeit bedeutet, denn diese Menschen werden von jeder Altfall- oder Härtefallregelung ausgenommen,
  • sowie extreme Armut und Stigmatisierung, denn den Eltern ist meist eine Erwerbsarbeit nicht gestattet und Sozialleistungen werden erheblich reduziert.

Leidtragende sind in besonderer Weise die Kinder. In Deutschland gilt das Prinzip „Kinder teilen das aufenthaltsrechtliche Schicksal ihrer Eltern“. Sie teilen aber auch dessen soziale Folgen. Kinder sind jedoch weder für die Entscheidungen noch für die Taten ihrer Eltern zu bestrafen und haben ein Recht darauf, als eigenständiges Individuum wahrgenommen, behandelt und gefördert zu werden. In Deutschland wird zudem von Kindern, die international als besonders schutzbedürftige Gruppe definiert werden, erwartet, dass sie selbständig ihre Interessen vertreten und durchsetzen. Unter Verstoß gegen nationale und internationale Kinderschutzvorschriften wird ihnen keine besondere Hilfe zuteil.

Wir sind hier! will diesen Kindern bestmöglich individuell helfen und darüber hinaus gezielt auf strukturelle Veränderungen hinwirken, mit denen die Diskriminierung und Desintegration dieser Gruppe gemindert werden kann.

Das Projekt nimmt sich bewusst einer unpopulären Gruppe an. In Politik und Verwaltung ist die Auffassung vorherrschend, dass es unserer Gesellschaft schaden würde, wenn wir es aus Rücksicht auf die Kinder hinnähmen, dass ihre Integration auch unerwünschten oder gar straffälligen Eltern helfen würde. Wir vertreten die Auffassung, dass es jeder Gesellschaft erheblich schadet, ganze Generationen an Entwicklung, Bildung und Teilhabe zu hindern. Ganz gleich, welche vermeintlichen oder tatsächlichen Anpassungsschwierigkeiten die Eltern zeigen: Ihre Kinder haben nicht nur Rechte, sie sind auch Teil dieser Gesellschaft - und damit unserer Zukunft.


Wir sind hier! umfasst:

Beratung

In unserer offenen Sprechstunde für Kinder und Jugendliche können sie sich mit ihren Fragen und Problemen an uns wenden und werden hier in pädagogischen, psychologischen und rechtlichen Belangen beraten.

Systematische Erfassung des Unterstützungsbedarfs

Anknüpfend an ein ausführliches Erstgespräch wird der individuelle Hilfebedarf in zentralen Lebensbereichen - aufenthaltsrechtliche und soziale Situation, Schule, erzieherischer Bedarf, medizinische und therapeutische Versorgung sowie Freizeitaktivitäten - mithilfe standardisierter Verfahren systematisch erfasst.

Individuelle Hilfe

Im Anschluss unterstützen wir die Kinder und Jugendlichen bei der Lösung oder Linderung der so erkannten Probleme. Dabei steht die Vermittlung in das bestehende Hilfesystem im Vordergrund, sei es die Einleitung einer medizinischen Behandlung, die Anbindung an bestehende Unterstützungsmöglichkeiten bei der Ausbildungsplatzsuche, aufenthaltsrechtliche Beratung, Hilfe bei der Installierung von familienentlastenden Maßnahmen im Rahmen der Kinder- und Jugendhilfe oder die Bemühung um einen passenden Sportverein. Falls erforderlich wird hier der Rechtsweg beschritten, um bestehende Ansprüche durchzusetzen und angemessene Hilfen zu ermöglichen.

Strukturelle Verbesserungen – Instrumente für ein Clearingverfahren für Flüchtlingskinder

Darüber hinaus wollen wir strukturelle Veränderungen anstoßen. Einen Kernbereich des Projekts bildet deshalb die systematische Auswertung der im Rahmen des Beratungsverlaufs gewonnenen Daten. Am Ende der Projektlaufzeit werden wir eine Dokumentation der häufigsten und drängendsten Probleme dieser Flüchtlingsgruppe sowie der Angebote und Defizite des bestehenden Hilfesystems vorlegen können.

Unsere standardisierten Erhebungen und Auswertungen können zudem als Grundlage für möglichst effiziente und zielgenaue Instrumente eines sog. Clearingverfahrens für Flüchtlingskinder dienen, mit dessen Hilfe Traumatisierungen, medizinischer und pädagogischer Hilfebedarf oder auch geschlechtsspezifische Gefährdungen frühzeitig erkannt werden können.

Die Zielgruppe

Was sind besonders prekäre aufenthaltsrechtliche Status?
Worin bestehen ihre spezifischen Probleme?

Im Hinblick auf die Neueingereisten liegen sie vor allem im Charakter des Verwaltungsverfahrens. Die Europäische Union fordert von ihren Mitgliedstaaten schon seit Jahren, dass sie Verfahren entwickeln, mit denen besonders verwundbare und belastete Flüchtlingsgruppen schnell identifiziert werden können, um ihnen umgehend die nötige Hilfe zukommen zu lassen. Zu diesen Gruppen zählen sowohl minderjährige unbegleitete als auch traumatisierte Flüchtlinge oder Gewaltopfer. Bis heute gibt es ein solches Clearingverfahren in Deutschland nicht.

Stattdessen werden unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in ausländerrechtlichen Verfahren wie Erwachsene behandelt und Kinder aus Flüchtlingsfamilien als Anhängsel ihrer Eltern nahezu „übersehen“. Die Folgen sind erheblich: Insbesondere Traumatisierungen werden häufig viel zu spät erkannt und behandelt und verfestigen sich auf diese Weise. Im Asylverfahren kommen die traumatisierenden Ereignisse nicht oder nur am Rande zur Sprache. Schon für Erwachsene sind das verhörähnliche Setting und der standardisierte Fragenkatalog ungeeignet, um eine vertrauensvolle Gesprächsatmosphäre zu erzeugen. Im Umgang mit Kindern und Jugendlichen sind die zuständigen SachbearbeiterInnen meist nicht ausgebildet und wenden ihre Routinen unverändert an. Letztlich kann dies zur Ablehnung durchaus begründeter Asylanträge von Kindern und Jugendlichen führen.

Länger hier lebende Flüchtlingskinder leiden insbesondere unter der sozialen Situation, in der sie sich befinden, sofern sie bisher kein verfestigtes Aufenthaltsrecht erlangen konnten. Sie selbst sind an dieser Situation schuldlos. Ursächlich kann beispielsweise ein Fehlverhalten ihrer Eltern oder auch die besondere Situation in ihren Herkunftsländern sein, wenn sie dort etwa nicht in das Geburtsregister eingetragen sind. Oft leben diese Kinder dauerhaft von den sogenannten Grundleistungen des Asylbewerberleistungsgesetzes - etwa 30 % unterhalb der Regelsätze für Hartz IV (Stand Sommer 2010) - und wohnen in Gemeinschaftsunterkünften in extrem beengten Verhältnissen. Die medizinische Versorgung ist für sie eingeschränkt. Ihr Aufenthalt ist auf die Stadt Hamburg beschränkt. Um die Stadt zu verlassen, benötigen sie eine Genehmigung der Ausländerbehörde. Darüber hinaus ist der Übergang von der Schule in eine Ausbildung kaum möglich. Grund hierfür ist die Duldung, die längstens sechs Monate gilt und in der Regel keine Beschäftigung erlaubt, so dass potentielle Ausbildungsbetriebe abgeschreckt sind.

Für Kinder und Jugendliche, die sich aufgrund der Entscheidung ihrer Eltern papierlos, also unerlaubt, in Hamburg aufhalten, ist die Situation noch schwieriger und beeinflusst nahezu alle Lebensbereiche in einschneidender Weise – müssen sie doch vermeintlich „unsichtbar“ bleiben, um ihre Familien nicht zu gefährden. Dies zeigt sich bei der Frage nach Betreuungsmöglichkeiten für Kleinkinder ebenso wie bei Wünschen nach Mitgliedschaften im Sportverein oder bei eventuell vorliegendem dringendem Hilfebedarf in kinder- und jugendhilferechtlichen Belangen.

Wir sind hier! will auch für diese Flüchtlingskinder und -jugendlichen dazu beitragen, dass der im Ausländerrecht dominierende Grundsatz „Kinder haften für ihre Eltern“ endlich aufgebrochen wird. Im Mai 2010 hat die Bundesregierung ihren Vorbehalt bezüglich der UN-Kinderrechtskonvention zurückgenommen. Spätestens jetzt gilt auch für Kinder ohne deutsche Staatsangehörigkeit uneingeschränkt, dass das Wohl jedes Kindes im Mittelpunkt staatlichen Handelns stehen muss. Wir sind hier! wird sich dafür einsetzen, diesen Anspruch in der Realität mit Leben zu füllen.