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  22.09.2015  
Roma Familien im Michel
Acht Familien leben zurzeit im Gemeindehaus der St. Michaelis-Kirche. Rund 40 Menschen, die meisten von ihnen Kinder. Sie stammen aus verschiedenen Staaten des westlichen Balkan. Was sie eint: Sie gehören der Minderheit der Roma an. Und sie machen sich Sorgen, Sorgen um ihre Zukunft und die ihrer Kinder. Denn in ihrer Heimat haben sie Ausgrenzung und Diskriminierung erfahren. Darum sind sie nach Deutschland gekommen, haben um Schutz nachgesucht. Ein kurzer Moment des Aufatmens und der Hoffnung. Doch ihre Asylanträge wurden abgelehnt – nun ist die Sorge zurück. Da sind sie in den Michel gezogen – um auf ihre Lage aufmerksam zu machen und um Hilfe zu bitten
Auch die Kirche kann nicht immer helfen. Aber es werden Gespräche geführt, man hört den Menschen zu. In einem großen Gottesdienst am Wochenende konnten sie von ihrer Situation berichten. Die Medien berichten überwiegend aufmerksam und sachlich. Alle Beteiligten gehen bislang behutsam mit den Sorgen der Menschen um. Alle – bis auf einen Kommentator des „Hamburger Abendblatts“ mit seinem unverhohlenen Appell an den Innensenator, die Familien aus dem Michel möglichst schnell abzuschieben.
Dabei gäbe es so viel zu schreiben. Über angeblich „sichere“ Herkunftsländer, in denen Roma auf Müllkippen leben müssen und keine Krankenversicherung für sich und ihre Kinder haben. Über Hunderte, die durch die Straßen Belgrads ziehen und skandieren “Schlitzt sie auf, die Zigeuner, wir wollen sie nicht“. Über eine deutsche Asylbehörde, die Erlebnisse wie diese, wie Vergewaltigungen und Morddrohungen marginalisiert als „soziale Probleme im Privatbereich“ und in Serie Abschiebungsbescheide fertigt.
Wir müssen reden. Über das Sortieren der Flüchtlinge in „gute“ und „schlechte“. Über die tatsächliche Lage der Minderheiten auf dem Westbalkan. Wir müssen reden mit den Familien im Michel. Wir müssen auch über die Frage reden, wann Diskriminierung zum Schutzgrund wird. Wir müssen auch darüber reden, wie die Lage der Minderheiten in Staaten verbessert werden kann, die immerhin in die EU streben.
Was wir nicht brauchen: Zeitungskommentare, die so tun, als gäbe es einfache Antworten und mit der schwierigen Situation aller Beteiligten ihr Spiel treiben.
 
   
   

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